Gesucht wird Fabienne in deutschen Jobcentern!

An die Beschäftigten der Agenturen für Arbeit, Arbeitsgemeinschaften, Jobcenter und Sozialämter, für die Erwerbslose kein Kostenfaktor sind…

 

Trotz Arbeitsverdichtung, Hetze und Überstunden hoffen wir auf Ihre Geduld, diese Zeilen zu lesen.

 

Wir, die Protestierenden gegen die Hartz-Gesetze wenden uns an Sie, weil wir davon überzeugt sind, dass wir ähnliche Interessen haben und gemeinsam gegen die Umstrukturierungen des Arbeitsmarktes, die Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen und den Sozialabbau kämpfen sollten. Wir sollen zu Niedriglohnarbeit gezwungen werden, die alle Löhne und Tarife angreift und auch in den Agenturen muss länger gearbeitet werden, die Manteltarife sind gekündigt und das Weihnachtsgeld ungewiss…

 

Unser Protest richtet sich gegen die Agenturen für Arbeit, Arbeitsgemeinschaften, Jobcenter und Sozialämter, weil dies die Orte sind, an dem die entwürdigenden Hartz-Gesetze umgesetzt werden. Hier müssen vom Kapital aussortierte Menschen ihre Lebensberechtigung nachweisen, den Wohnort (Wohnhaft) nicht verlassen, in nicht Existenz sichernde Arbeit (Niedriglohn, Leiharbeit) gezwungen, überwacht und auch mit Leistungskürzungen oder gar Sperrzeiten bestraft werden.

 

Unser Protest richtet sich gegen diejenigen, die glauben, irgendeinen Job verrichten zu müssen.

Unser Protest richtet sich NICHT gegen diejenigen Beschäftigten der Agenturen und Center, die sich ebenfalls dagegen wehren, dass Menschen derart entwürdigend behandelt werden sollen – wir hoffen und bauen auf die gegenseitige Solidarität!

 

Alle Gesetze, nicht nur diese repressiven, bleiben bedeutungsloses Papier, solange sie nicht umgesetzt werden!

 

Als ArbeitsvermittlerIn und FallmanagerIn, schließen Sie mit „Kunden“ einen Eingliederungsvertrag ab und entscheiden, ob die „Kunden“ gar z.B. als Arbeitsgelegenheit einen 1-Euro-Job annehmen müssen. Nach dem internationalen Recht, das auch in Deutschland gültig ist, ist eine Pflichtarbeit (Zwangsarbeit) unter Androhung einer Strafe verboten (Erklärung der Menschenrechte von 1948, Artikel 25, Abs. 1.).

Sie haben (bei allem Druck und bei aller Kontrolle und Statistik, auch Ihnen gegenüber, und nicht zuletzt der Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren) Spielräume – nutzen Sie sie zu Gunsten der Betroffenen und unterstützen Sie unsere Proteste gegen diese Gesetze! Es gibt KollegInnen, die diese Spielräume durchaus im Sinne einer „Verfolgungsbetreuung“ nutzen – Ihre „Kunden“ kennen einige davon, Sie kennen sie bestimmt auch. Wir haben nicht vor, sie aus ihrer persönlichen Verantwortung zu entlassen. Kritische MitarbeiterInnen müssen sich mit solchen MitarbeiterInnen mit vorauseilendem Gehorsam (Untertan) auseinandersetzen. Auch Sie erleben Druck von oben, werden kontrolliert und haben fremd gesetzte Ziele zu erfüllen. „Mehr als die Hälfte der Beschäftigten geben an, dass sie an ihre Arbeit denken, wenn sie nachts nicht schlafen können.“, heißt es in der Auswertung einer ver.di-Studie zur Arbeitsplatzzufriedenheit an Jobcentern. Von einer Gewerkschaft erwarten wir, dass sie uns alle unterstützt, sich gegen diesen Druck von oben zu wehren und Ihnen hilft, den Druck nach unten zu verweigern.

 

Es gibt gute Vorbilder in Frankreich und Großbritannien:

Die Gewerkschaft der Arbeitsagentur-MitarbeiterInnen in Frankreich SUD ANPE erklärte: „Unsere Aufgabe ist es vor allem, den Arbeit Suchenden zu helfen, eine Beschäftigung zu finden und das erwarten der Arbeit Suchende von uns. Aber es gibt keine Arbeit für Alle. Die Zunahme von Gesprächen, die ständigen Aufforderungen zum Besuch der Agentur werden keine Arbeit schaffen, sondern erhöhen das Risiko für Arbeit Suchende, gezwungen, schikaniert und abgestraft zu werden. Wir, die Beschäftigten der ANPE, erklären, dass wir auf keine Weise Menschen schaden wollen, die durch den Verlust der Beschäftigung und des Einkommens verletzt sind.

Wir verweigern uns, sie aus zu grenzen und wir werden keine Kürzungen/Streichungen durchführen, ohne vorher die moralischen und menschlichen Folgen mit zu beachten.“

 

Am 13. August 2012 streikten in Großbritannien 6.000 Beschäftigte in 32 Anrufcenter der Arbeitsvermittlungen gegen unzumutbare Arbeitsbedingungen. Die Gewerkschafter der PCS wehren sich gegen eine Reform, die durch unrealistische Zielvorgaben wachsenden Druck auf die Beschäftigten und die Erwerbslosen ausübt. Sie betonen ausdrücklich, dass es dabei nicht nur um ihre eigenen Arbeitsbedingungen geht, sondern dass die permanente Kontrolle, gegen die sie sich wehren, dazu da ist, Kontrolle über die Erwerbslosen zu intensivieren, was sie verweigern. Bereits im Januar diesen Jahres hatte es in Schottland deswegen einen 48-Stunden-Streik gegeben.

 

Und es gibt Fabienne!

Fabienne Brutus, war selbst arbeitslos und arbeitete dann als Arbeitsvermittlerin an der Agentur für Arbeit in Frankreich / ANPE. Gleich zu Anfang erhielt sie ein Rundschreiben der Geschäfts Leitung, welches allen Beschäftigten der ANPE ein striktes Schweigen über betriebliche Ereignisse verordnete. Fabienne schwieg nicht. Zuerst anonym, später offen, begann sie eine Enthüllungsgeschichte über das Leiden der Arbeit Suchenden wie auch der BeraterInnen zu schreiben! So ist einiges in Bewegung gekommen. Französische Gewerkschaften haben das aufgegriffen und Beschäftigte haben sich geweigert, Arbeit Suchende Sanktionen zu verhängen. Es entstand eine landesweite Dynamik, die eine grundsätzliche Debatte auslöste und in die oben zitierte Erklärung zur beruflichen und bürgerlichen Ethik der Gewerkschaft Sud ANPE mündete: „Nein das machen wir nicht mehr mit!“.

 

Auf Anregung der Initiative für soziale Gerechtigkeit Gera – wird auch hier an Jobcentern in Deutschland eine „Fabienne“ gesucht. In der Zwischenzeit haben sich nicht nur die Hartz-IV-Bedingungen verschlechtert, sondern Ihre Arbeitsbedingungen drastisch verschärft. Viele von Ihnen müssen befürchten, schon bald auf der anderen Seite des Schreibtisches zu sitzen… und was dann?

Gesucht wird Fabienne in deutschen Jobcentern!

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